das „Alte Rathaus“ in St. Martin

das „Alte Rathaus“ in St. Martin

Auf der Suche nach einem netten Restaurant, wo wir noch nie waren, sind wir in der Weinstube Altes Rathaus in St. Martin gelandet. Überaus einladend wirkt schon das Äußere der ehrwürdigen Lokalität, schließlich geht die Geschichte des Gebäudes (zumindest die der Außenmauern) zurück auf längst vergangene Jahre. Durch den erst 2005 erfolgten Umbau erstrahlt es in lobenswert modifiziertem Charme. Das Ambiente vom Alten Rathaus ist einfach urig und absolut sehenswert. Auch dessen Lage in dem ohnehin für seinen Reiz bekannte Winzerörtchen ist traumhaft schön. Daher sind wir auch höchst gespannt, was uns hier im Restaurant auf dem Teller erwartet.

Stolz zeigt man sowohl auf der Internetseite als auch auf dem Weg zu den Toiletten an einer Art „Ahnengalerie“ diverse prominente Zeitgenossen, die das Lokal einst besucht zu haben scheinen; angefangen von Exkanzler Helmut Kohl bis hin zur TV-Blödeln wie Hella von Sinnen und „Big Brother“ Dani... Von dem ich übrigens noch nie gehört habe. An dieser Stelle fragt man sich: Wer sieht sich eigentlich solch einen Blödsinn freiwillig überhaupt an? – Aber zurück zum Thema.

Wir steigen, um das Restaurant besuchen zu können, einen Stock höher und stellen fest, dass auch die Einrichtung des Alten Rathauses das rustikal-noble Flair fort setzt. Der Blick auf die Speisekarte ist ebenfalls durchaus positiv, wenn man von dem meiner Meinung nach kleinen Makel absieht, dass sämtliche Weine auf der Weinkarte nur von einem einzigen Winzer stammen, nämlich Holger Schneider in St. Martin. Schade für diejenigen Gäste, die sich gerne einen Überblick über die Vinifizierungen der Pfalz – oder zumindest des Ortes – verschaffen wollen. Einziger positiver Aspekt dieses Umstandes sind die verhältnismäßig niedrigen Preise der Weine. Die Speisekarte ist, was die Preise betrifft, auf ebenfalls recht moderatem Niveau (von 8,90 bis 17,90 € je Hauptgericht, für Kinder gibt es zusätzlich vier Variationen zu je ca. 5,50 €). Erwartungsgemäß findet man die obligatorischen pfälzischen Gerichte von Saumagen bis Bratwurst. Daneben findet man aber auch einige andere Variationen, wie beispiels­weise   „butterzar­te Schwei­nebäckchen in Burgunder”.

Meine Begleitung entschied sich für „Poulardenbrust mit Tomaten- und Pilzfüllung an Kräutersauce, mit Wildreis und Saisonsalat” und ich wählte „Spanferkelfilet auf dreierlei Saucen, mit Marktgemüse und Pommes Dauphin”. Von der netten Bedienung erfuhr ich, dass die Pommes leider nicht selbst gemacht sind, aber allgemein gut ankämen, also ließ ich mich überreden. Als begleitenden Wein wählten wir eine Flasche Grauen Burgunder trocken.

Zuerst kam, wie erwartet, der Salat, der einen sehr guten Eindruck machte. Eindeutig frisch zubereitete Zutaten aus guter Ware und das Dressing war sehr gut abgestimmt. Die große Überraschung jedoch kam mit den Tellergerichten. Sowohl das Spanferkelfilet als auch die Poulardenbrust waren bestimmt für ein Foto im Feinschmecker-Magazin tauglich. Ich kann mich nicht erinnern, ei­nen schöneren Teller in einem bürgerlichen Restaurant gesehen zu haben. Mit anderen Worten: Die Optik ist nicht zu überbieten.

Leider kann ich jedoch nicht berichten, dass der Geschmack genauso Höchstnoten verdient. Die Poulardenbrust machte noch die beste Figur; sie schmeckte frisch und saftig, auch die Pilzsauce schmeckte hervorragend. Allerdings war das Spanferkelfilet nicht, wie man es erwarten sollte, zart und saftig, sondern leider recht trocken. Auch das Gemüse hatte irgendwie einen leicht verbrannten Beigeschmack; ich habe keine Ahnung, was da in der Küche passiert ist. Auch den Umstand, dass bei einem Gericht sich drei(!) Saucen auf der Tellerfläche den Platz teilen müssen, ist zumindest außergewöhnlich – sogar überflüssig, zumindest meiner Meinung nach. Trotzdem war das Essen keineswegs eine „Katastrophe“, es schmeckte immer noch recht gut, sodass ich natürlich auch von einer Reklamation Abstand nahm. Der überaus netten und ehrlichen Bedienung habe ich natürlich zum Schluss unser Lob und auch den kleinen Tadel mitgeteilt.

Fazit:
Wer einen regelrecht urigen Abend verbringen will und nicht unbedingt die „haute cuisine“-Küche erwartet, wird im „Alten Rathaus“ für wirklich angemessenes Geld voll auf seine Kosten kommen. Nur schade, dass sich die unschlagbare, fantastische Optik nicht im gleichen Maß auch in der Kochkunst wider spiegelt. Auch bei relativ kleinen Preisen hinterlässt dies einen klitzekleinen Wermutstropfen. Das Auge isst zwar bekanntlich mit, ist aber leider längst nicht alles.

TS